Tschernobyl zur Erinnerung! -

Die Chronik der Katastrophe

Die Folgen von Tschernobyl

Dokumente zu Tschernobyl

Dokumente zu Tschernobyl


DER SPIEGEL 19/1998 vom 4. Mai 1998 Seite 145

Ukraine

Spätschäden bei Tschernobyl

Zwölf Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl meldet der ukrainische Gesundheitsminister Andrej Serdjuk, daß noch immer 3,2 Millionen Menschen auf radioaktiv verseuchtem Boden leben. Von den insgesamt 350 000 Helfern, die sich an der Eindämmung der Katastrophenfolgen beteiligt hatten, starben 12 519 an Schilddrüsenkrebs, Leukämie, Gefäß- und Strahlenkrankheiten, davon 2197 im vergangenen Jahr. Die Zahl der Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern habe sich gegenüber 1986 verzehnfacht, mit weiter steigender Tendenz. Der Leiter der Tschernobyl-Filiale des Kurtschatow-Instituts für Atomphysik, Alexej Borowoi, rechnet mit einer zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit, daß der Betonmantel über Block IV des Atomkraftwerks unter normalen seismischen und metereologischen Bedingungen noch in diesem Jahr einstürzen wird.


Freitag, 26. April 1996 Ärzte Zeitung Ausgabe 78, Seite 27

Zehn Jahre danach: Am meisten leiden Kinder und die Liquidatoren von 1986

Von Peter Hall

Zehn Jahre nach der atomaren Tschernobyl-Katastrophe werden ihre sozialen und gesundheitlichen Spätfolgen immer deutlicher sichtbar. "Bei uns gibt es keinen Bereich des Lebens, der nicht betroffen ist", erklärt der weißrussische Tschernobyl-Minister Iwan Kenik.
Nach seinen Angaben sind 70 Prozent aller aus dem Reaktor geschleuderten radioaktiven Substanzen über Weißrußland niedergegangen. Noch heute seien 23 Prozent des Landesterritoriums, auf dem vor dem GAU rund 2,1 Millionen Menschen lebten, einer Strahlenbelastung von einem Curie pro Quadratkilometer ausgesetzt. In diesen Gebieten "mittlerer Strahlung" mußten insgesamt 2640 Quadratkilometer landwirtschaftliche Nutzfäche stillgelegt werden, ergänzt Kenik.
Zum Schutz ihrer Gesundheit wurden bis Ende 1995 rund 130 000 Weißrussen aus 415 Siedlungen evakuiert. Für diese Umsiedler seien 60 000 neue Wohnungen errichtet worden.
Für viele Betroffene kamen diese staatlichen Ausquartierungsmaßnahmen allerdings zu spät. Denn mittlerweile leidet Keniks Worten zufolge jedes dritte Kind unter gesundheitlichen Spätfolgen des Reaktorunfalls. "Ganz gleich, ob als direkte Folge der Strahlung oder als mittelbare Konsequenz der veränderten Lebensbedingungen", fügt er hinzu.
Untermauert wird seine Feststellung von Daten, die der Leiter des weißrussischen Schilddrüsenkrebszentrums, Professor Dr. Ewgenij Demidschik vor wenigen Tagen während des Berliner Tschernobyl-Kongresses des Otto-Hug-Strahleninstituts vorgestellt hat. Demzufolge sind zwischen 1986 und 1995 bei 424 weißrussischen Kindern Schilddrüsentumore diagnostiziert worden. Die Zahl der Neuerkrankungen ist dabei kontinuierlich angewachsen. Während es 1988 landwesweit nur fünf Fälle waren, wurden 1990 bereits 29 und im vergangenen Jahr 91 neue Tumorerkrankungen der Schilddrüse bei Kindern registriert. Die Rate dieser Erkrankungen stieg Demidschiks Worten zufolge in Weißrußland von 1,2 Fällen pro 100 000 Kinder 1990 auf vier 1995. Für das Gebiet von Gomel, einer besonder stark verstrahlten Region im Südosten des Landes, hat der Minsker Experte gar eine Quote von 13,5 errechnet. Im Weltdurchschnitt liege sie hingegen bei nur 0,5.
Demidschik wertet seine neuen Erkenntnisse als klaren Hinweis darauf, wie folgenschwer die Belastung der Schilddrüse durch das strahlende Jod-131 (Halbwertszeit etwa acht Tage) ist, das aus der Tschernobyl-Ruine entwichen war. Überrascht zeigte sich der Minsker Experte allerdings darüber, daß mittlerweile auch bei Erwachsenen die Zahl der Schilddrüsentumore signifikant hochgeschnellt ist - von 1261 Fällen zwischen 1976 und 1985 auf 3862 in den vergangenen zehn Jahren.
Neben der jungen Bevölkerung haben die rund 800 000 Liquidatoren, die zu Aufräumarbeiten in die stark verseuchten Regionen abkommandiert waren, am stärksten unter Strahlungsfolgen zu leiden. Etwa 3000 der mehr als 110 000 in Weißrußland lebenden Katastrophenhelfer sind mittlerweile offiziell als "Invaliden von Tschernobyl" anerkannt, sagt Wladimir Kamenko, Präsident des nationalen Invalidenverbandes. Die meisten von ihnen sei aufgrund von Herz- Kreislauf-, Krebs- oder gastrointestinalen Erkrankungen arbeitsunfähig. Auch nehme der Anteil psychischer Störungen unter den Liquidatoren massiv zu. Neue Umfragen zeigten, daß 57 Prozent der Betroffenen unter ständigen Angstzuständen leiden. Weitere 71 Prozent klagten über Schlaflosigkeit. Bei zwei Dritteln der Liquidatoren diagnostizierten Ärzte einer Minsker Spezialklinik neurologische Störungen.
Der körperliche Verfall vieler Liquidatoren gehe mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit einher, fährt Kamenko fort. Die Tragödie von Tschernobyl werde von ihnen zunehmend als persönlicher Schicksalsschlag aufgefaßt. Lebensfreude und Fähigkeit zur Kommunikation gingen verloren, ein Zustand der "sozialen Infantilität" stelle sich ein.
Weiter erschwert wird die bedrohliche gesundheitliche Lage der Bevölkerung, weil immer noch verstrahlte Lebensmittel wie Pilze, Fleisch oder Milch aus der Region verzehrt werden. Insbesondere durch den privaten Anbau von Nahrungsmitteln werden die staatlich vorgeschriebenen Grenzwerte nach Angaben von Dr. Valerij Klutschenowitsch, Chefarzt des Zentrums für Hygiene und Epidemiologie im Gomel-Gebiet, oft unterlaufen. Bei den jährlich rund 6000 Messungen seines Institutes seien bei privat gesammelten getrockneten Pilzen Werte bis zu 478 732 Becquerel (Bq) pro Kilogramm gemessen worden, der Grenzwert liege bei 3700 Bq. Untersuchungen von Milch (Grenzwert 111 Bq/Liter) hätten bis zu 1331 Bq ergeben, Fleisch (Grenzwert 600 Bq/Kilogramm) sei mit maximal 46 642 Bq belastet gewesen.


Donnerstag, 11. April 1996 Ärzte Zeitung Ausgabe 67, Seite 2


Presseschau

Die Tschernobyl-Konferenz in Wien ist Anlaß neuer Debatten um die Atompolitik. Kritische Anmerkungen von der

Badischen Zeitung

Kaum hat die Konferenz zu Tschernobyl begonnen, macht ihre Präsidentin, Angela Merkel, auch schon klar, was am Ende herauskommen soll: An der Atomkraft soll festgehalten werden - mit neuer Entschiedenheit, ganz gleich, was vor zehn Jahren geschah und was in Wien noch alles an Erkenntnissen dazu auf den Konferenztisch kommen mag. Sollte Greenpeace allerdings Recht haben damit, daß die Beseitigung der Folgen von Tschernobyl am Ende 300 Milliarden Dollar kosten wird und nicht jene läppischen 2,5 Milliarden, die bis heute bereitgestellt sind, wäre noch offensichtlicher: Wer unverdrossen auf Atomkraft setzt, lädt sich nicht nur schwere gesundheitliche und soziale Risiken auf, er risikiert auch einen finanziellen Super-GAU. Alles Risiken, die tragbar sein sollen? Kommentar:


Donnerstag, 18. April 1996 Ärzte Zeitung Ausgabe 72, Seite 1


Aktion Mensch-Umwelt unterstützt Kinderklinik in Kiew

In der Ukraine erkranken jedes Jahr 650 Kinder an Leukämie

Bonn (rv/hb). Zehn Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl leiden immer noch viele Menschen unter den Spätfolgen des Unfalls. Zwar werde von offizieller Seite bestritten, daß seit 1986 die Zahl der Leukämie-Kranken in der Ukraine gestiegen ist. Doch jährlich erkrankten rund 650 Kinder in der Ukraine an Leukämie, und immer mehr krebskranke Kinder seien auf Medikamenten-Lieferungen aus dem Westen angewiesen, erklärte Manfred Bäuerle gestern in Bonn.
Bäuerle ist Geschäftsführer der Hilfsorganisation Christliche Aktion Mensch-Umwelt, die seit sechs Jahren die medizinische Behandlung leukämiekranker Kinder in einer Kiewer Kinderklinik unterstützt. Seine Organisation habe mittlerweile medizinische Hilfsgüter im Gesamtwert von 2,5 Millionen DM geliefert.
Die erschreckenden Zahlen dokumentierten eindrucksvoll, daß es zu einem sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie keine Alternative gebe, kommentierte der stellvertretende Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Ralf-Uwe Beck.


Montag, 22. April 1996 Ärzte Zeitung Ausgabe 74, Seite 4


Internationaler Tschernobyl-Kongreß in Berlin /Strahlenmediziner Lengfelder:

An Spätfolgen des Reaktorunfalls sind bisher 25 000 Menschen gestorben

Berlin (pha). An den Spätfolgen der atomaren Katastrophe im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl sind bis heute rund 25 000 Menschen gestorben. Darauf hat der Münchener Strahlenmediziner Professor Dr. Edmund Lengfelder am Wochenende während des internationalen Kongresses "Tschernobyl - eine aktuelle Bilanz der Folgen" in Berlin hingewiesen.

Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach der Tschernobyl-Unfall bisher maximal 40 Menschen das Leben gekostet hat, hält Kongreßpräsident Lengfelder für "unsinnig". Insbesondere die IAEA, deren Satzungszweck es sei, die Atomtechnik weltweit fortzuentwicklen, ist nach seinen Worten "völlig ungeeignet", die medizinischen Folgen des atomaren Unfalls seriös aufzuarbeiten. Die IAEA habe bereits 1991, als die Zahl der Schilddrüsentumoren bei Kindern schon um das 30fache angestiegen sei, behauptet, daß die radioaktive Belastung durch Tschernobyl zu keinen zusätzlichen Krebsfällen führen werde.
Das Leid der betroffenen Menschen muß nach Ansicht von Bundestagspräsidentin Professor Dr. Rita Süssmuth eine "ständige Mahnung" sein, die Risiken solcher Großtechnologien und deren Folgen für Mensch und Natur immer wieder neu zu bedenken. In ihrer Grußadresse an die 250 Teilnehmer forderte die Politikerin, die ihre Teilnahme kurzfristig absagen mußte, daß Tschernobyl sich nie "wiederholfen darf".
Als Schirmherrin des Kongresses mahnte sie, daß zehn Jahre nach der ersten Katastrophe, dem Reaktorunfall, nun auch die zweite Katastrophe "des Verschweigens und Vergessens" angegangen werden müsse.


Dienstag, 23. April 1996 Ärzte Zeitung Ausgabe 75, Seite 5


Gedenken an Tschernobyl

Kongreß fordert den Ausstieg aus der Kernenergie

Berlin (pha). Mit der Forderung, die Nutzung der Atomenergie weltweit zu stoppen, haben rund 350 Teilnehmer den dreitägigen Kongreß "Tschernobyl - zehn Jahre danach" in Berlin beendet.

Wie es in einer zum Abschluß der Konferenz verabschiedeten Resolution heißt, sollen das seelische Leid und die Traumatisierung der Menschen, die dem radioaktiven Fallout nach der Reaktorkatastrophe ausgesetzt sind, von Wissenschaft und Politik künftig intensiver wahrgenommen werden. Das Schicksal der Betroffenen müsse als Mahnung verstanden werden, die "Risiken atomarer Großtechnologie immer wieder neu zu bedenken". Mit Blick auf die Spätfolgen von Tschernobyl sei es notwendig, gegen einen "drohenden kollektiven Gedächtnisverlust" anzugehen, stellen die Teilnehmer der vom Münchner Otto-Hug-Strahleninstitut und den Ärzten für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) organisierten Konferenz fest.
Die Zahl der Schilddrüsenkrebs erkrankten Kinder hat sich unterdessen in einigen verstrahlten Gebieten um das Sieben- bis Zehnfache erhöht. Nach Angaben von Professor Dr. Mikola Tronko, Direktor des Instituts für Endokrinologie in Kiew, sind in der Ukraine zwischen 1986 und 1994 insgesamt 339 Kinder mit Schilddrüsentumoren registriert worden. Zwischen 1981 und 1985 seien nur 59 Fälle aufgetreten.



Die Atomjunkies

Auszüge des Artikels von Joachim Wille aus Frankfurter Rundschau 26. April 1996, Die Seite Drei

Was geschah am 26. April 1986? Ein Unfall? Eine Havarie? Ein Super-GAU? Eine Katastrophe? Es entstand ein "herrenloses Objekt der Menschheit", wie der Filmemacher Alexander Kluge den ausgebrannten Reaktor in Tschernobyl nennt, vergleichbar den Pyramiden, die als historischer Markstein fest zu unserem Planeten gehören... (Tschernobyl) nicht als Weltwunder jedoch, sondern als unauslöschliches Mahnmal menschlicher Hybris... Die Bilanz der vergangenen zehn Jahre zeigt, daß die Welt mit einer Bedrohung, wie sie in Tschernobyl Wirklichkeit wurde, nicht angemessen umgehen kann. Kein gesunder Menschenverstand hätte 1986 vorausgesagt, daß 1996 noch immer über die endgültige Stillegung des Kraftwerks verhandelt wird, zu dessen "Zähmung" über eine halbe Millionen "Liquidatoren" eingesetzt werden mußten... Statt grundsätzlich ü+ber für West, Ost und Süd umzudenken - schließlich existiert nirgendwo auf der Welt ein Reaktor, der vor einem Super-GAU gefeit ist - beschwört man im Strahlenschatten un Co. lieber eine "neue globale Kultur der nuklearen Sicherheit" (Hans Blix, Chef der internationalen Atombehörde). Ein Tschernobyl reicht. Ob das alle ernst meinen?



19.-21. April 1996
im Audimax der Humbold-Universität
in Berlin

Otto Hug Strahleninstitut -
Medizinische Hilfsmaßnahmen e.V.
München

und

Internationale Ärzte für die
Verhütung des Atomkrieges
IPPNW

in Zusammenarbeit mit:

Ärtzekammer Berlin
Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz, Schweiz
Ärzte und Ärztinnen für soziale Verantwortung, IPPNW, Schweiz
Anti Atom International, Österreich
Deutscher Verband für Tschernobyl-Hilfe e.V.
Fondation: Aide aux enfants atteints dun cancer, Luxemburg
Gesellschaft für Strahlenschutz e.V.
IPPNW Luxemburg
Kinder von Tschernobyl - Stiftung des Landes Niedersachsen
Senatsverwaltung für Gesundheit, Berlin

Schirmherrschaft: Prof. Dr. Rita Süßmuth
Präsidentin des Deutschen Bundestages, Bonn

Kongreßpräsident: Prof. Dr. Dr. h.c. Edmund Lengfelder
Strahlenbiologisches Institut der
Ludwig-Maximilians-Universität, München

Internationaler Kongreß

Tschernobyl - 10 Jahre danach:
Eine aktuelle Bilanz der Folgen

Resolution

Der Kongress macht sich mit Nachdruck den Standpunkt zu eigen, der im Grußwort der Schirmherrin des Kongresses ausgesprochen worden ist:

Das Leid all der betroffenen Menschen muß uns eine ständige Mahnung sein, die Risiken atomarer Großtechnologie und deren Folgen für Mensch und Natur immer wieder neu zu bedenken.

Gerade die Betroffenheit über die Risiken menschlicher Fehlhandlungen sollte dazu führen, die Grenzen bestehender technischer Standards besser erkennen zu lernen und darauf politisch zu reagieren. Sie hilft uns aber auch, nach der ersten Katastrophe - dem Reaktorunfall - ebenso gegen die "zweite Katastrophe", die des Verschweigens und Vergessens, anzugehen.

Wir brauchen profunde fachliche Erkenntnisse von Betroffenen und Beteiligten ebenso wie aus den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft, um zu verbesserten Urteilen und politischen Entscheidungen zu gelangen.

In das Zentrum der Darstellung und Auseinandersetzung gehört auch das, was durch die Katastrophe an seelischem Leid, an Traumatisierung, Ängsten, zerstörten Bindungen und Vertrauensverlusten mitverursacht worden ist.

Es ist notwendig, gegen den drohenden kollektiven Gedächtnisverlust anzugehen, auf die aktuelle Notsituation der Betroffenen aufmerksam zu machen und Wissen darüber zu vermitteln.

Der Kongress wendet sich mit Entschiedenheit gegen falsche und begatellisierende Behauptungen der Internationalen Atomenergie Organisation IAEA und der mit ihr verbundenen Organisationen und Wissenschaftler, die sowohl in der Folge des durch sie durchgeführten Internationalen Tschernobyl-Projekts als auch in Tagungen der letzten Monate verkündet worden sind. Deren Behauptungen über die Zahl der durch Tschernobyl verursachten Opfer, der Kranken und Toten, die sich auch auf die Empfehlungen bestimmter wissenschaftlicher Kreise gestützt haben, wurden durch die Realität und die heute vorliegenden Fakten widerlegt.

Als Organisation, deren satzungsgemäße Aufgabe die weltweite Ausbreitung und Beschleunigung der Atomenergienutzung ist, ist die IAEA nicht frei von starkem Eigeninteresse und kann nicht als Institution gelten, die die Folgen eines atomaren Unfalles neutral untersucht udnd bewertet.

Angesichts der 10 Jahre Erfahrung nach der Katastrophe im Atomrekator in Tschernobyl unterstreicht der Kongress den Apell und die Forderung, unverzüglich die Nutzung der Atomenergie zu beenden.

(Verabschiedet im Plenum am 21.4.1996 mit ca 350 Ja- und 2 Nein-Stimmen)



Tschernobyl, die Verstrahlung geht weiter........

Bericht über eine Veranstaltung der IPPNW-Hamburg am 13. April 1996

Dr. Dorothea Wagner-Kolb eröffnete die Veranstaltung in der Aula der Gasamtschule in Hamburg-Eimsbüttel und erinnerte daran, daß die Katastrophe durch,in und um Tschernobyl mit aller Heftigkeit weitergeht. Sie war gerade von einer Reise in die Katastrophenregion zurückgekehrt und berichtete über die desolaten Zustände in der verstrahlten Region. Prof. Otmar Wassermann berichtete über die Potenzierung von Niedrigstrahlung mit anderen Noxen und und die dadurch exponentiell ansteigende Schädigung des Organismus. Ein Wunder, daß die Reparaturmechanismen der Zellen dem überhaupt noch widerstehen, ein Zusammenbruch sei absehbar. Dr. Hayo Dieckmann wies an gut belegten Recherchen nach, daß die Leukämiefälle um Krümmel mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch Radioaktivitätaustritt aus dem AKW Krümmel verursacht wurden. Wolfgang Ehmke machte uns Mut in der Beurteilung unserer Arbeit gegen die Atomkraftbefürworter. Die Einlagerung eines Castorbehälters pro Jahr erfordere ca. 400 Jahre Beschickungszeit des Zwischenlagers Gorleben, wenn nicht sogar länger bei der geplanten Zahl von ca. 400 Castorbehältern. Diese Verlangsamung und Verzögerung der Atommülleinlagerung sei auch ein Erfolg. Weitermachen im Widerstand gegen die Atomkraftbefürworter, das war seine Schlußfolgerung. Viel Zeit hatten wir zur Diskussion mit den Vortragenden; wir, eine Gruppe von ca. 80 Hamburgern, Schleswig-Holsteinern, Niedersachsen. Und der IPPNW-Vorstand war auch dabei.


ceterum censeo et censeamus:

Die Tschernobylkatastrophe ereignete sich nicht am 26.4.1986, sie begann am 26.4.1986. In den Atomreaktoren wird weltweit Uran gespalten, um in der

Gegenwart Energie zu gewinnen, und die zukuenftige Welt unserer Kinder und Kindeskinder wird radioaktiv verseucht. Denn sicher ist: Technik und Menschen sind fehlbar. Der Ausstieg aus der Atomenergie ist deshalb notwendig, und zwar sofort.

Quelle:
Ulmer Ärzteinitiative, Ärztinnen und Ärzte in sozialer
Verantwortung, c/o Reinhold Thiel, Hölderlinstr. 23,
89171 Illerkirchberg



Überlegungen, angestellt 10 Jahre nach der Katastrophe vonTschernobyl...

Der Katastrophenschutz für unsere heimischen Atomkraftwerke ist nicht mehr zeitgemäß

Im Falle eines großen Unfalles...

... müßten unvorstellbar mehr Menschen evakuiert werden, als bishervorgesehen. Noch immer werden neue Erkenntnisse ignoriert. Für die bayerischen Atomkraftwerke gelten, wie auch für alle anderen bundesdeutschen Anlagen, immer noch veraltete Berechnungen und Katastrophenschutzpläne. Diese gehen von einer - völlig ungenügenden - Vorwarnzeit von 24 Stunden aus und enden bei einem zu kleinen Evakuierungsradius von 10 km. Die derzeit gültigen Pläne für den Katastrophenschutz sehen keine Evakuierung weiterer Bürger bei einem Atomunfall in unseren Atomkraftwerken vor.

Dabei müßte bei einem Atomunfall ein Großraum von 50 km um das Atomkraftwerk vollständig evakuiert werden - und das binnen 3 - 5 Stunden!

Seit 1989 ist die Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke Phase B veröffentlicht. Sie ist Atomkraftbetreibern und den für den Katastrophenschutz zuständigen Landräten und Ministerien zugänglich. Diese Studie wurde von der Deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit erstellt, die den Betreibern von Atomkraftwerken freundlich gesinnt ist. Die brisanten Aussagen dieser Studie sind:

  • Der Sicherheitsbehälter des Reaktors wird wahrscheinlich schon in 3 - 5 Stunden bersten und nicht erst in 36 Stunden.
  • Bei einer Kernschmelze wird der größte Teil des hochradioaktiven Reaktors freigesetzt, und nicht nur ein kleiner Teil, wie bisher angenommen.
  • Das Material wird wie eine Rakete in große Höhen geschleudert und nicht nur diffus in nächster Nähe verteilt.

Obwohl diese Studie allen Verantwortlichen bekannt ist, wird sie totgeschwiegen. Lediglich das Sozialministerium in Schleswig-Holstein hat auf Grundlage dieser Studie eine Modellrechnung für den Standort Krümmel beauftragt.

Aus diesen Berechnungen geht klar hervor:

  • Alle Personen im Umkreis von 50 km des Reaktors müßten evakuiert werden!
  • Bei ungünstiger Windrichtung und Windstärke sogar bis zu 200 km!
  • Und das müßte alles schon innerhalb von 3 - 5 Stunden geschehen!

Mit diesen Fakten hat die Ulmer Ärzteinitiative die für den Katastrophenschutz relevanten Behörden unseres heimatnahem Atomkraftwerks Gundremmingen seit 1991 konfrontiert. (Bayerisches Staatsministerium des Innern, Regierungspräsidium Stuttgart, Landratsämter Günzburg, Dillingen, Augsburg, Neu-Ulm, Alb-Donau-Kreis, Städte Ulm und Neu-Ulm.) Diese Briefe wurden entweder gar nicht, ausweichend oder eindeutig abschlägig beantwortet. Diese Behörden hätten die Fürsorgepflicht, Schaden von der Bevölkerung abzuwenden.



SZ vom 18.04.1996

Im Sondermüll-Ofen Ebenhausen

Tschernobyl-Molke soll verbrannt werden

Umweltminister Goppel hält den cäsiumhaltigen Stoff für ungefährlich

Von Christian Schneider

München - Umweltminister Thomas Goppel will endlich ein leidiges Thema 'abhaken', das ihm und seiner Behörde von der Reaktor-Katastrophe vor zehn Jahren in Tschernobyl in der Ukraine geblieben ist: die Beseitigung radioaktiv verseuchter Molke. Jetzt soll das verstrahlte Pulver, das zuletzt in einer Halle im oberbayerischen Forsting im Landkreis Rosenheim gelagert worden ist, als Sondermüll verbrannt werden. Ansonsten, so die Bilanz des Ministers, habe der Atom-Unfall keine bleibenden Schäden im Freistaat hinterlassen.

Bei dem mit Cäsium 137 verstrahlten Molkepulver (insgesamt 1 900 Tonnen), handelt es sich um jenen Stoff, von dem der damalige Umweltminister Alfred Dick tapfer einige Portionen in sich hineinlöffelte. Bewiesen werden sollte mit dieser bundesweit belächelten Aktion, wie harmlos die radioaktive Verstrahlung nach Tschernobyl sei. Dies gilt nach Darstellung Goppels erst recht für heute. Die Molke sei auch nach EU-Grenzwerten nur mehr so gering belastet, daß sie eigentlich aus ihrer Quarantäne befreit und als Futtermittel verkauft werden könne. Aber, so der Minister, 'keiner will sie haben'. Da die Lagerung des Pulvers zuletzt aber 200 000 Mark Kosten pro Jahr gekostet habe, soll es nun als Abfall beseitigt werden. Goppel kündigte an, die Tschernobyl-Restlast werde in den Öfen der Sondermüllverbrennungsanlage Ebenhausen bei Ingolstadt verbrannt.

Gefahren oder Belastungen für die Umwelt seien dabei nicht zu erwarten, versicherte Professor Albrecht Kellerer vom Strahlenbiolgischen Institut der Universität München. 99,9 Prozent des Cäsiums 137 würden in der Flugasche und der Verbrennungsschlacke zurückgehalten. Beides soll in einem unterirdischen Depot für Sondermüll endgelagert werden. Nach den Worten Goppels hat 'ein südlicher Nachbar von Bayern' seine verstrahlte Molke damals 'einfach in die Donau gekippt'. Die bayerische Beseitigungsaktion, die in etwa einem Vierteljahr abgeschlossen sein soll, wird rund zwei Millionen Mark kosten.

Umweltminister Goppel stellte allerdings klar, daß Wildfleisch und Pilze aus Ostbayern und der Oberpfalz immer noch deutlich kontaminiert sind. Bei Wildschweinfleisch und Maronenröhrlingen sind auch im vergangenen Jahr noch Radiocäsiumgehalte von weit über 1000 Becquerel pro Kilogramm festgestellt worden. Einen vorsorglichen Hinweis seiner Behörde hält Goppel gleichwohl nicht für nötig. Allerdings werde das Wildschweinfleisch aus dieser Region an die Wölfe im Nationalpark verfüttert.

Auch nach Tschernobyl hätten sich für die deutschen Kernkraftwerke keine Konsequenzen ergeben, sagte der Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit, Professor Adolf Birkhofer. Allerdings habe man zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Einig ist sich Goppel mit Birkhofer, daß die osteuropäischen Kernkraftanlagen nach wie vor ein Sicherheitsrisiko darstellen. Birkhofer hält technische Nachrüstungen dort nur für bedingt möglich. Er empfahl eine enge fachliche Zusammenarbeit mit den östlichen Nachbarn vor allem beim Aufbau einer 'kompetenten und unabhängigen Aufsichtsbehörde' der Atomindustrie. Wie Minister Goppel sagte, gibt es inzwischen sogenannte Sicherheitspartnerschaften zwischen bayerischen und osteuropäischen Kernkraftwerksbetreibern. Zehn Jahre nach Tschernobyl ist für die Staatsregierung ein Ausstieg aus der Kernenergie weniger denn je ein Thema.

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SZ vom 08.02.1996

Zeitbombe Tschernobyl tickt weiter

Doch allein mit der Abschaltung des Reaktors ist es nicht

getan Tschernobyl, knapp zehn Jahre danach: Am 26. April 1986 ereignete sich in dem ukrainischen Kernkraftwerk jene folgenschwere Explosion, die der Welt die Risiken der Atomkraft drastisch vor Augen führte. Bei dem Unfall wurde 200mal soviel Radioaktivität wie durch die Atombomben in Hiroshima und Nagasaki freigesetzt, Tausende Menschen starben. Bis heute ist die Zeitbombe nicht entschärft. Der Betonmantel, der rund um den Unglücksreaktor angelegt wurde, ist brüchig, es fehlt an Fachleuten für den Betrieb der Nuklearanlage. Und die Verhandlungen des Westens mit der Ukraine über eine endgültige Abschaltung des Meilers, dessen Blöcke eins und drei weiter Energie produzieren, ziehen sich hin: Die Ukraine nutzt die Angst vor einem erneuten Atomunfall, um die finanziellen Zusagen des Westens hochzutreiben.

Doch mit der Zusage einer völligen Stillegung Tschernobyls ist es nicht getan: Westliche Experten warnen, daß dies allein der Sicherheit keineswegs dienen würde. Der Vorsitzende der deutschen Reaktorsicherheitskommission, Professor Adolf Birkhofer, befürchtet, daß die Ukraine in diesem Fall jedes Interesse verlieren würde, in Tschernobyl noch Geld zu investieren. Birkhofer hält rasche technische Veränderungen aber für unerläßlich, um den sicheren Betrieb bis zur Stillegung zu gewähren. Es sei unverantwortlich, auf Verbesserungen des Brandschutzes, der internen Stromversorgung und des Kühlsystems zu verzichten.

Die wirtschaftlich am Boden liegende Ukraine, die ein Drittel ihres Energiebedarfs aus einer maroden Atomindustrie deckt, kann sich eine Stillegung derzeit nicht leisten. Nach Angaben der Kraftwerksleitung von Tschernobyl wird gegenwärtig sogar geprüft, ob auch Block zwei, der 1991 nach einem Brand abgeschaltet worden war, wieder angefahren werden kann. Im Juli werde entschieden, dann seien die Untersuchungen abgeschlossen.

Zwar haben die Ukraine und die sieben führenden Industriestaaten (G-7) Ende Dezember in der kanadischen Hauptstadt Ottawa ein Memorandum unterzeichnet, das die Abschaltung Tschernobyls im Jahr 2000 vorsieht. 500 Millionen Dollar (umgerechnet 750 Millionen Mark) wollen die G-7 als Subventionen zur Verfügung stellen, um die Stillegung zu finanzieren. Weitere 1,8 Milliarden Dollar (2,7 Milliarden Mark) sollen in Form von Krediten fließen.

Doch das Datum für die Schließung ist für die Ukraine keineswegs absolut verbindlich, wie der Kiewer Umweltminister Juri Kostenko nach einem Gespräch mit Bundesumweltministerin Angela Merkel betonte. Frau Merkel hatte Gelegenheit, sich vom Zustand des Unglücksreaktors zu überzeugen - sie besuchte Tschernobyl im Rahmen einer Reise in die Ukraine.

Die Regierung in Kiew, dies wurde wohl auch Frau Merkel klar, drängt auf höhere finanzielle Zusagen der Industrieländer. Denn, so fürchtet man in Kiew, wer im Westen wird sich noch um die Nöte des Landes kümmern, wenn Tschernobyl erst abgeschaltet ist? Das Memorandum über die Schließung, so machte ihr Kollege Kostenko deutlich, müsse durch weitere Abkommen konkretisiert werden. Zumindest ist Frau Merkel jetzt gewappnet: Sie soll den Vorsitz für die Tschernobyl-Konferenz übernehmen, die vom 8. bis zum 12. April in Wien auf Initiative der EU, der Internationalen Atomenergie-Agentur IAEA und der WHO stattfindet.
Hendrik Munsberg

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Datum: 10.04.1996, Ressort: Spandau Autor: Olga Hoos

"Für Heimweh keine Zeit"Kladow lädt zum sechsten Mal Kinder aus der Tschernobyl-Region ein

Adelheid Schütz war bereits mehrmals in Weißrußland und konnte sich an Ort und Stelle ein Bild machen, wie es dort aussieht.
Die Kladowerin ist Mitglied des Vereins "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e. V.", kurz IPPNW.Sie ist medizinisch-technische Assistentin und gehörte zu den ersten, die dieser renommierten Weltorganisation beitraten.
Ebenfalls eines der ersten Mitglieder der IPPNW war der Ostberliner Physiker Dr. Sebastian Pflugbeil.
Pflugbeil hatte in der DDR versucht, die Wahrheit über die schrecklichen Folgen der Reaktorkatastrophe zu veröffentlichen.
Dabei lernten sich Adelheid Schütz und Sebastian Pflugbeil kennen."Als er uns über Not und Leid der Menschen in der Ukraine und Weißrußland erzählte und wir die Fotos von strahlengeschädigten Kindern sahen, ließ mich ein Gedanke nicht los: Wie kann man diesen Kindern helfen?", erzählt Adelheid Schütz."Es hat mich sehr berührt, daß diese Kinder ohne eigenes Verschulden einer Situation ausgesetzt sind, die man sich bei uns gar nicht vorstellen kann."Und so wurde die Idee geboren, Kinder aus der Tschernobyl-Zone zur Erholung nach Deutschland zu holen.
Der Gedanke fand großen Anklang bei der Kirchengemeinde Am Groß-Glienicker See, bei vielen Kladower Müttern und nicht zuletzt im Spandauer Rathaus.
Seit 1991 kommen jährlich 20 weißrussische Kinder, meistens aus dem Gebiet Gomel, zu vierwöchigen Aufenthalten nach Kladow."Der Termin für dieses Jahr steht schon fest", erzählt Adelheid Schütz."Die Kinder kommen im August, schon jetzt laufen die Vorbereitungen."So ein Aufenthalt will organisiert sein.
Adelheid Schütz: "Unser Programm ist umfangreich und interessant: Spaziergänge, Sportspiele mit dem Kladower Sportverein, Stadtrundfahrten, Zoobesuch und vieles andere.
Da bleibt keine Zeit für Heimweh!"Vier Wochen kosten viel Geld.
Unterbringung, Verpflegung, Anreise sind zu bezahlen.
Die Aktion lebt von Spenden, die vor allem über die Kirchengemeinde gesammelt werden.
Der letzte Durchgang kostete insgesamt 24 000 Mark.
Mit so einer Summe rechnen die Kladower Helfer auch in diesem Jahr.
Olga Hoos Informationen über das Spendenkonto gibt es unter Telefon 365 61 59 (Schütz), 365 11 97 (Nowak) oder 365 60 12 (Meyer).

Ein Service von Berliner Zeitung, TIP BerlinMagazin, Berliner Kurier und Berliner Abendblatt
G+J BerlinOnline GmbH, 02.08.1997


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